DER AUFTRAG

Diptychon: Kalligrafie 1, 3

Diptychon: Kalligrafie 1, 3

Von Hanna

Seufzend setzte er sich auf die Leiter und lehnte sich vorsichtig zurück. Bequem war diese Position nicht, aber er brauchte einen Platz, wo er in Ruhe nachdenken konnte. Um nicht rücklings herunterzufallen, stützte er sich auf seinen Golfschläger, den er immer dabei hatte. Man konnte nie wissen, wo und wann sich eine Gelegenheit bot, Bälle über den Rasen zu jagen.

Der Auftrag, den er gerade erhalten hatte, bereitete ihm einiges Kopfzerbrechen. Nach Japan sollte er reisen, um dort einen vielgepriesenen Kalligraphen ausfindig zu machen, der sich vor Jahren in eine einsame Höhle in den Bergen zurückgezogen hatte. Ausgerechnet Japan! Nicht die Reise schreckte ihn, er war schließlich in der ganzen Welt herumgekommen, doch dieses Land war ihm fremd geblieben. Er fand keinen Zugang zu den Menschen, die scheinbar so problemlos mit der Diskrepanz zwischen Tradition und Moderne lebten. Und um den Künstler zu finden, brauchte er Kontaktpersonen, am besten Angehörige oder Freunde des Mannes, der aus einem Dorf in der Nähe von Fukushima stammte. Sollte er sich wirklich in diese Gefahrenzone begeben? Aber der Auftrag war hochdotiert, auf das Geld wollte er nicht verzichten.

Also würde er nach Tokio fliegen, einen Wagen mieten, zu dem Dorf fahren und hoffentlich Menschen treffen, die immer noch oder schon wieder dort lebten und den Mann kannten. Wenn alles gut lief, würden sie ihn zu dem Gebirge oder vielleicht sogar zu der Höhle bringen. Gebirge, Höhle - für Kletterpartien hegte er weder Begabung noch Begeisterung. Er musste sich unbedingt eine passende Ausrüstung besorgen. Ein abenteuerliches Experiment, auf das er sich einlassen sollte.

Die Zweifel wuchsen. Wer garantierte ihm eigentlich, dass dieser geheimnisvolle Kalligraph tatsächlich existierte? Und nicht irgendein cleverer Zeitgenosse in einem Hamburger Hinterhof die Werke an seinem PC schuf und die leichtgläubige Kunstwelt zum Narren hielt? Es wäre nicht das erste Mal.

Seufzend stieg er von der Leiter, schulterte seinen Golfschläger und begab sich in eine Ramen-Bar. Er musste diesen Auftrag noch einmal gründlich überdenken.

Der kleine Japaner saß gemütlich auf einem Felsvorsprung vor seiner Höhle, blinzelte in die Sonne und schaltete sein Tablet aus. Die neueste Kalligraphie hatte er soeben ins Netz gestellt. Finden würde ihn sowieso niemand und lukrative Angebote interessierten ihn nicht. Mit einem verschmitzten Lächeln zog er sich in seine Höhle zurück und begann zu meditieren.